Musiklexikon: Was bedeutet Solmisation?

Solmisation (1879)

Solmisation (ital., vom Lat.), die Benennung der Töne nach den von Guido von Arezzo im 11. Jahrhundert zuerst in Anwendung gebrachten Silben: ut, re, mi, fa, sol, la, deren man sich ehemals als Textunterlage bei Singübungen allgemein bediente und hier und da, wie in Italien, noch jetzt bedient. Das Singen auf diesen Silben heißt das Solmisieren oder Solfeggieren.

Diese Benennungen der einzelnen Töne dieses Hexachords sind aus den Einschnitten der ersten Strophe einer an den heiligen Johannes gerichteten Hymne entnommen: "Ut quaeant laxis Resonare fibris Mira gestorum Famuli tuorum Solve pollute Labii reatum Sancte Johannes!" Die halben Töne [Halbtonschritte] wurden allemal mi fa genannt, daher man später, wenn von halben Tönen überhaupt die Rede war, dieselben durch mi fa bezeichnete. In Belgien fanden die Silben bo ce di ga lo ma ni durch Hubert Waelvant [sic] Eingang, daher belgische Silben oder Bobisation und Bocedisation. Italiener und Franzosen gebrauchen die Ausdrücke dièsis, dieze und b molle, b mollissée und nennen den Ton fis: fa dièsis, fa dieze und den Ton ges: sol b molle, sol bemollissée etc.

Die Solmisation, wobei sehr komplizierte Regeln zu beachten waren, da bei weiterem Fortschreiten der Tonleiter die Silben verwechselt oder mutiert werden mussten, kam durch das in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eingeführte Hexachord bei uns außer Gebrauch. [Riewe Handwörterbuch 1879, 238f]

Solmisation (1840)

Solmisation. Das Solfeggieren nach den von Guido Aretino eingeführten und nach ihm benannten aretinischen Silben: ut, re, mi, fa, sol, la. Man teilte nämlich vor ihm die 15 gebräuchlichen Töne A, H, c usw. bis eingestrichen a' in Tetrachorde. Dies Tongebiet vermehrte Guido um sechs Töne: G, eingestr. b, h und zweigestr. c, d, e und teilte es in sieben Hexachorde, d. h. Tonreihen von sechs Tönen, in deren jedem von der dritten zur vierten Stufe ein halber Ton ist.

Solmisation, Hexachord-Tabelle

Die drei ersten oder ursprünglichen Hexachorde, von denen die übrigen nur Wiederholungen in höheren Oktaven sind, heißen:

  1. Cantus durus, die harte,
  2. Cantus naturalis, die natürliche,
  3. Cantus mollis, die weiche Tonart;

welche Lehre durch folgenden lateinischen Vers eindringlicher gemacht wurde:

C naturam dat; F b molle tibi signat;
G per ♮ durum dicas cantare modernum.

Die Töne eines jeden obigen Hexachords wurden benannt mit den Silben ut, re, mi, fa, sol, la, so dass in jedem die halben Töne [Halbtonschritte] (H-c, e-f, a-b) immer mi-fa hießen. So lange nun eine Melodie innerhalb der Grenzen eines solchen Hexachords lag, blieben die Namen der Töne unverändert dieselben.

Solmisation, Beispiel 1

Wurde aber dieser Umfang überschritten, so mussten die Silben verwechselt oder mutiert werden, damit die Silben mi fa wieder unter die halben Töne zu stehen kamen.

Solmisation, Beispiel 2

Diese Mutation war einer Menge Regeln unterworfen und hatte bedeutende Mängel. Guido lehrte dieselbe an den Fingern der linken Hand abzählen (siehe Guidonische Hand). [Die oben gezeigte Hexachord-Tabelle] zeigt das ganze in seine sieben Hexachorde eingeteilte Tonsystem […] mit den sich verändernden Benennungen der Töne; woraus die Ursache ersichtlich, warum z. B. der Ton c mit c fa ut, der Ton e mit e la mi usw. bezeichnet wurde.

Erst durch die Einführung des Heptachords, d. h. durch Einteilung des Tonsystems in Tonleitern von sieben Tönen, konnte die Unbequemlichkeit des obigen Verfahrens beseitigt werden. Die Italiener und Franzosen behielten zwar die Silben bei, nannten aber den siebenten Ton si, und die Italiener verwandelten auch die Silbe ut in die wohlklingendere do.

Die Deutschen bedienten sich nach Abschaffung der Solmisation der sogenannten Gregorianischen Buchstaben c, d, e, f, g, a, h zur Bezeichnung der Töne [vgl. A-b-c-dieren], und in den Niederlanden nahm man die Silben be, ce, di, ga, la, ma, ni - die Bobisation oder Bocedisation - an. Graun und nach ihm Hiller bedienten sich der Silben da, me, ni, po, tu, la, be - nach ersterem Graun'sche Silben, auch sonst Damenisation genannt. Endlich bediente man sich auch der Silben la, be, ce, de, me, fe, ge - welchen man den Namen Bebisation oder Labisation gab. [Gathy Encyklopädie Musik-Wissenschaft 1840, 429f]